„Ich habe mich immer wieder belogen“

Eishockey-Profi Constantin Braun und seine Alkoholsucht

Constantin Brauns sportliche Bilanz ist beeindruckend: sechs Mal Deutscher Meister mit den Eisbären Berlin, 2013 Auszeichnung als wertvollster Spieler der DEL-Playoffs und 98 Länderspiele für Deutschland. Seit 15 Jahren ist Braun Eishockey-Profi. Der große, kräftige Verteidiger ist bekannt für seine Zweikampfhärte und seine Tattoos. Eben ein echter Kerl. Zumindest auf dem Eis. Aber es gibt auch die andere Seite. Braun (33) war alkoholkrank und litt an Depressionen. Hier erzählt er seine Geschichte.

Viele Jahre gab es zwei Versionen von mir. Auf der einen Seite den Eishockey-Profi Braun, auf der anderen die Privatperson Constantin. Es war ein großer Unterschied, ob die Menschen mich beim Spiel oder privat erlebt haben.

Auf dem Eis habe ich Auftritte hingelegt und eine Rolle gespielt. Ich hatte den Ruf als tätowierter, harter Haudegen. Ich wollte das auch so. Ich habe dummerweise versucht, mein Privatleben strikt von meinem Job als Eishockey-Profi zu trennen. Dabei ist das totaler Quatsch, denn Eishockey ist ein wichtiger Teil meines Lebens. Ohne diesen Sport wäre ich nicht der Mensch, der ich bin. Inzwischen bekomme ich es viel besser hin, beide Facetten zu einer Person zusammenzufügen. 

2021

Aufgezeichnet von SWR-Sportredakteur Johannes Seemüller. 
„Ich habe meine Alkoholsucht damals bewusst öffentlich gemacht, weil ich mich voll auf meine Therapie konzentrieren wollte. Ich bin eine Person des öffentlichen Lebens, und ich wollte kein Versteckspiel. Ich wollte den Leuten in der Klinik offen und ehrlich sagen, wer ich bin und was ich mache. Was hätte ich meinem Zimmerpartner auch erzählen sollen? Damit habe ich den Druck herausgenommen – für mich selbst, aber auch den medialen Druck. “ 
—  Constantin Braun

„Ich habe mir eingeredet, dass ich alles im Griff habe“

Als ich Jungprofi war, mit 17 oder 18, hat es angefangen, dass wir freitags und sonntags nach den Spielen was getrunken haben. Irgendwann habe ich begonnen, auch unter der Woche ein paar Bierchen zu trinken. Es hat sich immer mehr eingeschlichen. Natürlich hatte ich in klaren Momenten das Gefühl: „Mensch, ich habe ein Problem mit dem Trinken.“ Andererseits habe ich donnerstags, also vor den Spielen, nie was getrunken und auch sonst mal ein ganzes Wochenende nicht. Ich habe sogar auch mal mehrere Wochen oder sogar einige Monate überhaupt nicht getrunken. Da habe ich mir eingeredet, dass ich alles im Griff habe. Du kannst jederzeit aufhören, habe ich gedacht. Aber dann habe ich doch wieder zur Flasche gegriffen. Ich habe mich immer wieder selbst belogen.

2013 und 2017 musste ich wegen starker Depressionen eine jeweils dreimonatige Auszeit nehmen. Die Depressionen standen letztlich im Zusammenhang mit meiner Alkoholsucht. Die extremsten Phasen waren bei mir immer im Hochsommer. Da hatten wir nur morgens Training, es gab keine Spiele, und ich hatte am Wochenende nichts zu tun. Wir saßen an jedem zweiten Tag mit Freunden im Biergarten oder trafen uns zum Abendessen. Dabei habe ich extrem viel Alkohol getrunken. Ich musste noch nicht mal heimlich Bier trinken. Es blieb auch nicht immer beim Bier. Wodka, Whisky - es ging darum, irgendwie an Hochprozentiges zu gelangen. Diesen extremen Konsumphasen folgten dann immer depressive Täler. 

„Dann trinke ich eben ein Bier mehr“

Mir fehlte in diesen trainingsarmen Zeiten das Kabinenleben. Eishockey war für mich immer ein Ventil. In der Eishalle wusste ich, was ich zu tun hatte. Da wusste ich, wer ich bin. Ich hatte meinen Rhythmus. Dienstag, Mittwoch und Donnerstag war Training, freitags und sonntags musste ich beim Spiel performen. Das war eine klare Struktur. Wenn ich auf dem Eis war, konnte ich auch meine ganzen Gefühle, meine Wut und Frustration rauslassen.

Dieses Ventil hat mir im privaten Bereich gefehlt. Wenn dort etwas nicht funktionierte, konnte ich das nicht so abschütteln wie beim Eishockey. Im Sommer, ohne die klaren Strukturen, war meine Lösung: Dann trinke ich eben ein Bier mehr.

Ich gebe zu, ich hatte auch schon Suizidgedanken. Ich habe es versucht, aber es hat nicht geklappt. Ich bin diesen letzten Schritt Gott sei Dank nicht gegangen. 

Suizid des Großvaters

Es gab in meiner Familie Suizidfälle. Ich war damals 13, also mitten in der Pubertät, als sich mein Opa umgebracht hat. Mein älterer Bruder war 14, mein kleiner Bruder zehn. Wenn dann das Familienoberhaupt, der „Mister-ich-habe-alles-im-Griff“, so etwas aus heiterem Himmel macht, dann haut das einem die Füße weg. Ich habe das damals live erlebt. Ich war so sauer auf meinen Opa, dass er sich entschieden hat, das zu tun und mich allein zu lassen. Deshalb habe ich mir geschworen: Ich werde es niemals jemandem antun, sich so zu fühlen, wie ich mich damals als 13-Jähriger gefühlt habe. Deshalb war mein letzter Gedanke in düsteren Momenten immer: Nein.

Ich bin dann über das Buch „Volle Pulle: Mein Doppelleben als Fußballprofi und Alkoholiker““ von Ex-Fußballnationalspieler Uli Borowka gestolpert. Daraufhin habe ich ihm eine Mail geschrieben, und er meinte nur: Komm vorbei. Das war mein großes Glück.

2018 ging ich zur Entwöhnung in eine Klinik nach Friedenweiler (Schwarzwald). Ich weiß noch, dass ich am 2. August mein letztes Bier getrunken habe. In der Klinik wurde ich betreut, ich schlief im Doppelzimmer mit einem anderen Abhängigen, damit ich einen Gesprächspartner für dunkle Momente hatte. 

Therapeutische Hilfe

Ich habe meine Alkoholsucht damals bewusst öffentlich gemacht, weil ich mich voll auf meine Therapie konzentrieren wollte. Ich bin eine Person des öffentlichen Lebens, und ich wollte kein Versteckspiel. Ich wollte den Leuten in der Klinik offen und ehrlich sagen, wer ich bin und was ich mache. Was hätte ich meinem Zimmerpartner auch erzählen sollen? Damit habe ich den Druck herausgenommen – für mich selbst, aber auch den medialen Druck. Auch für den Verein war es leichter. Welche Verletzungen hätte er erfinden sollen, wenn ein Spieler wie ich ein halbes Jahr oder länger nicht beim Training ist?

In den fünfeinhalb Monaten in der Klinik habe ich intensiv an meinen Themen gearbeitet. Aber der Lernprozess hört danach ja nicht auf. Deshalb arbeite ich nach wie vor an mir. Ich habe mir in Bietigheim, wo ich inzwischen für DEL-Aufsteiger Bietigheim Steelers spiele, eine Therapeutin gesucht, mit der ich alles besprechen kann. Einmal pro Woche gehe ich zu ihr. Das tut mir gut.

„Ich kann wieder öffentlich weinen“ 

Ich habe gelernt, die Gefühle, die in mir sind, zuzulassen. Ich kann mittlerweile mit ihnen umgehen. Mit meiner Frau, meinen Eltern und mit meinen Brüdern habe ich mir ein soziales Umfeld geschaffen, das über alles Bescheid weiß. Ich habe keine Geheimnisse vor ihnen. Mittlerweile kann ich auch offen zu meiner Trauer stehen. Ich kann dazu stehen, wenn es mir mal nicht gut geht. Ich kann wieder öffentlich weinen, was früher ein absolutes No-Go war.

Sensibilität ist in einer körperbetonten Sportart wie Eishockey, dazu in einem Männerteam, nicht gefragt. Im Eishockey sind besonders harte Typen unterwegs. Wir dürfen uns prügeln und anrempeln, wir haben teilweise keine Zähne, wir rühmen uns damit, wie viele Narben wir im Gesicht haben – da kannst du nicht in die Kabine reinkommen und sagen: Ich bin aber heute mal traurig.

Mittlerweile ist mir das wurscht. Wenn ich heute in die Kabine komme und einer fragt „Alter, was ist denn los!?“, dann sage ich ganz ehrlich, dass ich mental nicht auf der Höhe bin. Aber mit 22 oder 23 traust du dich das nicht. Vor zehn Jahren war dieses Thema noch tabu. 

Rückendeckung vom Arbeitgeber

Mein Arbeitgeber, die Eisbären Berlin, allen voran Manager Peter John Lee, hat mir immer den Rücken freigehalten. Er hat dafür gesorgt, dass ich meine Therapien machen konnte. Seine Devise lautet: Eishockey sind nur vier, fünf Stunden am Tag, aber der Rest des Tages muss für die Spieler auch funktionieren. Sonst kann man nicht die Leistung abrufen, die man abrufen könnte.

Meine Teamkollegen haben auch super reagiert. Sie haben gesagt: „Okay, Brauner, wir merken, dass irgendwas bei dir nicht stimmt. Aber egal, was es ist, wir halten zu dir.“ Sie haben auch keine Interviews zu meiner Person gegeben. Das war stark.

Ein „Alki“ als Kapitän

Als ich im Sommer 2020 von Berlin an die Bietigheim Steelers ausgeliehen wurde, bin ich sehr schnell von der neuen Mannschaft zum Kapitän gewählt worden. Ich denke, dass es mit meiner Erfahrung zu tun hat. Ich empfinde das als große Ehre, obwohl ich für manche am Anfang vielleicht erst mal der „abgehalfterte Alki“ war, der es nicht mehr hinkriegt (lacht).

Ich spreche offen über meine Krisenzeiten. Es ist zum einen eine Art Therapie und Selbstreflexion. Es hilft mir, das Problem nicht aus den Augen zu verlieren. Zum anderen ist auch ein idealistischer Gedanke dabei. Vielleicht ist bei unseren Spielen ja einer unter den vielen tausend Eishockeyfans, der ein ähnliches Problem hat, der aufgrund meiner Geschichte womöglich anfängt, sein ganz persönliches Thema anzugehen und sein Leben zu ändern.

Es wäre wichtig, wenn jede Profiliga im Sport ein Präventionsprogramm zum Thema Mentale Gesundheit anbieten würde, vielleicht in Zusammenarbeit mit einer Institution. Es sollte einen Beauftragten geben, der ein geschultes Auge hat und in den Vereinen präsent ist, damit es für junge und auch für ältere Profis leichter wird, sich zu öffnen und zu ihren Gefühlen zu stehen. Denn oft ist es mit Scham besetzt, einzugestehen, dass man ein Problem hat. 
Quellenangaben
Wir bedanken uns herzlich bei Johannes Seemüller, der diese Story für uns aufgezeichnet hat, und bei den Steelers Bietigheim.