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Wenn ich vom Coaching kam, war ich erschöpft, aber glücklich

Mit 20 hatte Schwimmerin Britta Steffen genug vom Leistungssport. Sie brach ihre Karriere ab. Dank der Zusammenarbeit mit einer Mentaltrainerin überwand sie ihre Ängste, schwamm weiter und schaffte mit Olympia-Gold, WM- und EM-Titeln sowie Weltrekorden ihre größten sportlichen Erfolge. Heute arbeitet die 38-jährige u. a. als Laufbahnberaterin am Olympiastützpunkt Berlin und unterstützt junge Athletinnen und Athleten.

2022

Aufgezeichnet von SWR-Sportredakteur Johannes Seemüller. 
„Wessen wir manchmal am meisten im Leben bedürfen ist jemand, der uns dazu bringt, das zu tun, wozu wir fähig sind.“
—  Ralph Waldo Emerson
Britta Steffen, Sie haben nach Ihrer zweiten Olympia-Teilnahme 2004 begonnen, mit einer Mentaltrainerin zusammen zu arbeiten. Wie kam es dazu?

Mit 16 nahm ich erstmals an Olympischen Spielen teil. Damals, 2000 in Sydney, merkte ich, dass ich meine Trainingsleistungen bei solch großen Sportevents nicht abrufen konnte. Ich war vom Kopf her nicht fit. Vor Ort hörte ich, dass das 40-köpfige US-Schwimmteam u. a. von fünf Mentaltrainern betreut wurde. Wir dagegen hatten einen Physiotherapeuten dabei, der zu christlichen Andachten einlud. Dabei hätte ich auch gern einen Mentalcoach gehabt. Ich wollte mit jemandem über meine Gedanken und Sorgen sprechen: Dass ich total weiche Knie habe, dass ich wahnsinnig Angst habe, vor einem Millionenpublikum zu versagen, und dass ich meine Eltern nicht enttäuschen wollte.

Als ich 2004 als 20-Jährige zu meinen zweiten Olympischen Spielen nach Athen fuhr, dachte ich: Dieses Mal lasse ich mir nicht die Butter vom Brot nehmen. Aber am ersten Wettkampftag rutschte ich aus und verletzte mich am Fuß. Ich konnte nicht an den Start gehen, sondern nur unser Team abseits des Schwimmbeckens unterstützen. Ich kam zurück und hatte beide Olympia-Teilnahmen in den Sand gesetzt - einmal psychisch und einmal physisch.

Also begann ich erst mal mit dem Studium im Wirtschaftsingenieurwesen für Umwelt und Nachhaltigkeit. Ich merkte, dass die Doppelbelastung Studium und Leistungssport zu groß war. Ich sagte meinem Trainer, dass ich nicht mehr an mich glaube. Ich wollte mich auf mein Studium konzentrieren.

In diesen Tagen rief mich Franziska van Almsick an. Sie hatte ihre Karriere beendet und meinte: ‚Geh zu meiner Mentaltrainerin. Sie hat mir durch viele schwere Phasen geholfen und mich unterstützt.‘ So kam ich zu meiner zukünftigen Mentaltrainerin, die durch ihre breite Ausbildung auch als Psychologische Psychotherapeutin, Lehrtrainerin und Supervisorin arbeitet.. Es begann ein Prozess, in dem ich mich erstmals mit mir selbst auseinandersetzte. Dafür war in den vielen Jahren zuvor keine Zeit.

Worin unterschied sich diese Zusammenarbeit von den Gesprächen, die Sie in Ihrem privaten Umfeld führen konnten?

Ich hatte tatsächlich Leute in meinem Umfeld, mit denen ich gut sprechen konnte. Aber sie hatten alle eine persönliche Bindung zu mir. Sie waren nicht neutral. Jetzt, bei diesem Mentaltraining, hatte ich zum ersten Mal eine Person vor mir sitzen, die mich nicht als „Britta, die Schwimmerin“ sah. Denn das war ja meine Identität. Meine Mentaltrainerin aber sagte: ‚Wenn du das Schwimmen jetzt loslassen willst – wer bist du dann eigentlich noch? Wie fühlt sich das an? Was kannst du noch gut? Was interessiert dich noch? Was ist dir wichtig im Leben? Was sind deine Ziele?‘

„Träum doch mal“

Was haben diese Fragen bei Ihnen ausgelöst?

Zunächst war ich überrascht, dass ich mich so viele Jahre nur als „Schwimmerin“ verstanden hatte. Ich merkte, dass ich noch andere Identitäten aufweisen kann und sehr facettenreich war. Es ging um den Leitsatz „Sei die beste Ausgabe deiner selbst.“ Das gab mir enorm Sicherheit, Kraft und Freiheit: Ich will die beste Britta werden, die ich sein kann. Bis dahin war ich in meinem Denken ziemlich begrenzt. Meine Mentaltrainerin aber hat mich entgrenzt und ermutigt: ‚Träum doch mal.‘

Gab es vor dem Kontakt zur Mentaltrainerin Berührungspunkte zur Sportpsychologie?

Ich hatte Jahre zuvor erste Kontakte zu Sportpsychologen im Sportinternat. Dort machten wir Entspannungsübungen, und ich konnte auch über gewisse Themen reden. Aber ich hatte den Eindruck, sie möchten, dass ich unbedingt in diesem System Sport bleibe. Ich hatte auch den Gedanken, dass die oder der nach den Gesprächen bestimmt mit meinem Trainer redet. Es ging vor allem um die Optimierung meiner Leistung. Dieses Gefühl, optimiert zu werden, hatte ich bei meiner Mentaltrainerin auch, aber es fühlte sich anders an – ziemlich gut sogar, denn es ging um mich als Person. Es interessierte sie nicht, ob ich beim Sport blieb. Sie wollte einfach nur das Beste für mich als Persönlichkeit. Das war ein großer Unterschied.

Was hat Sie an Ihrer Mentaltrainerin beeindruckt?

Ich denke, der Schlüssel unserer Zusammenarbeit lag darin, dass da jemand ist, der viel über die menschliche Psyche weiß und der schon in viele Abgründe geschaut hat. Nichts Menschliches ist ihr fremd. Sie ist wie ein Wissenstopf. Wie arbeitet mein Gehirn? Was ist ein gesunder Biorhythmus? Wie muss ich trainieren und regenerieren, wenn ich auf einem ganz hohen Level schwimmen will? An diesen Fragen haben wir gearbeitet. Jeden Mittwoch, wenn ich vom Coaching kam, war ich zwar total erschöpft, aber zugleich megaglücklich. Ich war wieder ein kleines Stück vorangekommen.

Angst vor dem Wasser

An welchen Themen haben Sie konkret gearbeitet?

Wir haben zum Beispiel über mein traumatisches Erlebnis als Kind gesprochen. Ich bin als Sechsjährige unter eine Badematte geraten und dachte: Jetzt ist es vorbei. Ich bekam keine Luft mehr und schluckte nur noch Wasser. Der Trainer holte mich damals hoch und fragte mich, ob alles in Ordnung sei. Ich hustete ab und sagte Ja. Aber ab diesem Moment hatte sich etwas in mir und mit meiner Beziehung zum Wasser verändert. Wenn ich später im Wettkampf mächtig unter Druck war, kamen diese Gefühle wieder hoch. Ich hatte dann plötzlich Angst vor dem Wasser. 2004, kurz nach Athen, musste ich mal 800 Meter kraulen. Ich verschluckte mich und plötzlich kam wieder dieser panische Gedanke: Du ertrinkst! Ich machte dann hohe Wenden, habe also mit der Hand am Beckenrand angeschlagen. Mein Trainer ist ausgerastet, er konnte das nicht verstehen, ich aber auch nicht wirklich.

An dieser Angst zu arbeiten, war ein steter Prozess beim Mentaltraining. Meine Mentaltrainerin konnte mir sagen, was da passiert. Sie konnte mir erklären, warum es für das Hirn wichtig ist, diese Erfahrung nicht loszulassen. Letztlich war es ein komplexer Prozess der Selbstannahme, in dem ich es u. a. mit Hilfe einer Atemtrainerin geschafft habe, meiner Atmung wieder mehr vertrauen zu können.

Wir haben auch über meine sogenannten „Glaubenssätze“ gesprochen. Im Training war ich oft Weltklasse, aber ich konnte meine Leistungen im Wettkampf nicht abrufen. Dann hieß es über mich: ‚Wenn’s drauf ankommt, schafft sie es sowieso nicht.‘ Ich wurde „Trainings-Weltmeisterin“ oder „Gehirn-Prinzessin“ genannt. Irgendwann habe ich das dann auch über mich gedacht und diese Glaubenssätze verinnerlicht. Daran haben wir dann gearbeitet.

Wie offen haben Sie mit Teamkolleg:innen über Ihr Mentaltraining geredet?

Ich habe in meinem Umfeld offen darüber gesprochen, welche genialen Erfahrungen ich mit dem Mentaltraining gemacht habe. Einige Teamkolleginnen wollten daraufhin auch mit ihr zusammenarbeiten. Die eine oder andere hat es dann auch getan. Es fühlte sich komisch an, weil ich sie als meine „Geheimwaffe“ betrachtet hatte. Ich musste erst lernen, damit umzugehen. Außerdem habe ich meinen Trainer gebeten, sich mit meiner Mentaltrainerin auszutauschen. Er war Experte für Physis und Trainingswissenschaft, sie war Expertin für meinen Geist. Die beiden haben dann regelmäßig telefoniert.

Hatten Sie zu Ihrer Mentaltrainerin auch während des Trainings oder beim Wettkampf Kontakt?

Beim Training war sie nur ganz selten. Vor den Olympischen Spielen 2008 in Peking war sie im Vorbereitungs-Trainingslager dabei und hat sich einige Einheiten angeschaut. In Peking selbst war sie dann vor Ort. Das war der einzige Wettkampf, bei dem sie dabei war. Vor dem 100 Meter-Freistil-Finale haben wir uns gesehen und auch noch mal gedrückt. Es war schön, dass sie da war, denn ich habe sie dort echt gebraucht. Ich wusste, es ist der wichtigste Wettkampf meines Lebens. Wenn ich hier nicht zeigen kann, was ich mir während der vergangenen Jahre erarbeitet habe, dann ist diese Chance für immer weg. Der Druck war unfassbar groß. Es war also ein großes Geschenk, dass ich an den Abenden in Peking mit ihr über meine Themen sprechen konnte.

Hatten Sie nie Angst, in ein Abhängigkeitsverhältnis zu geraten?

Einige Medien haben tatsächlich versucht mir unterzuschieben, ich sei eine Marionette meiner Mentaltrainerin und würde ohne deren Hilfe zusammenbrechen. Dabei ist es genau anders herum. Sie sieht es als ihren größten Erfolg an, wenn ihre Klienten völlig unabhängig bleiben. Sie gibt einen Input, aber die Klientin entscheidet selbst, wie sie damit umgeht. Bis zu meinem Karriereende galt: Wenn es Probleme gab, konnte ich bei ihr einen Termin ausmachen, aber es mündete nie in einer Abhängigkeit. Ich bin einfach nur froh, diese Frau kennengelernt zu haben, bis heute bewundere ich sie für ihr Wissen und ihre Freundlichkeit. Sie war neben meinem Trainer der Schlüssel zum Glück, Körper und Geist in Einklang zu bringen. Dadurch konnte ich das Potenzial, das in mir war, hervorholen.

Sie haben 2013 mit dem Leistungssport Schluss gemacht. Wie schwer ist Ihnen das gefallen?

Gar nicht. Nach Olympia-Gold 2008 in Peking habe ich bewusst deutlich weniger trainiert und mich um mein Studium im Wirtschaftsingenieurwesen gekümmert. Trotzdem bin ich 2009, bei den Deutschen Meisterschaften in Berlin und bei den Weltmeisterschaften in Rom, innerhalb kürzester Zeit fünf Weltrekorde geschwommen. Danach hat mich mein Trainer zur Seite genommen und gesagt: ‚Alles, was jetzt noch kommt, Britta, musst du genießen. Du wirst nicht immer auf diesem Level bleiben; da wird eine neue Generation kommen.‘

Keine Zeit für Omas Beerdigung

2012, nachdem ich meinen Bachelor in der Tasche hatte, merkte ich: Mein Leben besteht nur aus trainieren, essen und schlafen. Ich hatte nicht mal Zeit, zur Beerdigung meiner Oma zu gehen. Überhaupt konnte ich fast nie an Familienfesten teilnehmen, weil der Sport immer dazwischenfunkte. Im September 2013 habe ich dann mit dem Schwimmen aufgehört. Ich hatte keine Lust mehr auf Leistungssport. Ich wollte meinen Master in Personalwesen machen und an eine eigene Familie denken. Es folgten Jahre, in denen ich fast täglich dachte: Wow, heute ist es wieder wie Urlaub. Ich habe diese Zeit sehr genossen.

Das klingt nach einem Rückzug ins Privatleben. Haben Sie das Rampenlicht nicht vermisst?

Viele schreiben mir zu, dass ich auf der Bühne eine gute Figur abgebe und ganz gut reden kann. Manchmal mache ich das auch gern, aber streng genommen bin ich lieber eine normale Mitarbeiterin und keine Führungskraft. Ich bin nicht die Rampensau, die von allen beachtet und verehrt werden möchte. Deshalb war es sogar wie eine Befreiung, dass ich nicht mehr auf Pressekonferenzen auftreten musste. Die Medien wollten immer, dass ich vor Wettkämpfen irgendwelche Sprüche oder Ansagen machte, aber ich mochte diese Erwartung nicht bedienen. Als dieses Auf-die-Brust-trommeln wegfiel, fühlte sich das gut an. Ich genoss es, einfach abzutauchen und eine unter vielen zu sein.

Sie arbeiten heute als Laufbahnberaterin mit Sportlerinnen und Sportlern am Olympiastützpunkt Berlin. Wie sieht Ihre Arbeit konkret aus?

Als Laufbahnberaterin versuche ich, für die Athlet:innen etwas zu finden, womit sie oder er für einen möglichen Beruf möglichst breit aufgestellt ist, um sich später dann spezialisieren zu können. Konkret berate ich Sportler:innen aus dem Landeskader. Allein im vergangenen Jahr habe ich etwa 300 Athleten beraten. Die jüngsten sind 13 oder 14, die älteren Anfang 20. Ich informiere, was aktuell in Berlin an Ausbildung oder Studiengängen möglich ist. In einem weiteren Schritt sprechen wir dann über Fragen wie: Wo kommst du her? Welche Kompetenzen bringst du mit? Was ist dir wichtig? Wir machen dann einen Profiltest, erarbeiten Berufsvorschläge und konkrete Entscheidungskriterien. Es geht also um Plan A, Plan B und Plan C.

„Zu wissen, was einen glücklich macht, ist ein großer Schatz“

Es gibt im Leben also immer mehrere Optionen?

Ich glaube, dass wir oft schon früh wissen, wofür unser Herz tatsächlich schlägt. Man kann aber auch Umwege gehen. Durch mein Studium im Wirtschaftsingenieurwesen habe ich den Nachhaltigkeitsweg eingeschlagen. Mir wurde bewusster, was mir im Leben wichtig ist. Ich habe mich entschieden, nicht mehr zu fliegen, weniger Fleisch zu essen und weniger Milch zu trinken. Ich engagiere mich auch bei diversen sozialen Projekten. Das gibt mir eine emotionale Rendite und macht mich wirklich glücklich. Zu wissen, was einen glücklich macht, ist ein großer Schatz. Mittelfristig möchte ich eine Ausbildung in Richtung Osteopathie angehen, nachdem ich meine Heilpraktikerausbildung im Dezember 2020 absolviert habe. Lebenslanges Lernen finde ich großartig.

Ihre Zusammenarbeit mit der Mentaltrainerin endete 2013 mit Ihrem Rücktritt als Schwimmerin. Gibt es heute noch Kontakt?

Ich bin froh, dass ich mich auf dem langjährigen Weg mit ihr wahnsinnig gut selbst kennengelernt habe. Manchmal treffen wir uns heute noch auf einen Kaffee und reden über Dinge, die mich grad beruflich oder privat beschäftigen. Dabei lerne ich immer noch viel Neues dazu. Außerdem sind wir inzwischen Geschäftspartnerinnen einer Coaching-Firma, wobei sie mit ihrem großen Wissen das Herzstück ist. Wir sind also geschäftlich und freundschaftlich weiterhin verbunden.
Quellenangaben
Wir bedanken uns herzlich bei Johannes Seemüller, der dieses Interview geführt hat, und bei Britta Steffen.