© Alle Fotos: Marcel Haupt

„Ich wollte von Judo nichts mehr wissen“

Judo-Weltmeisterin Anna-Maria Wagner über ihre Post-Olympia-Depression

Anna-Maria Wagner, 25, wurde im Juni 2021 Judo-Weltmeisterin. Sechs Wochen später gewann sie zwei Mal Bronze bei den Olympischen Spielen in Tokio. Dann erkrankte die Ravensburgerin an einer Post-Olympia-Depression. Sie dachte daran, ihre Karriere zu beenden. Der Weg zurück auf die Wettkampf-Matte ist mühsam.

Anna-Maria, du hast 2021 das erfolgreichste Jahr deiner sportlichen Karriere erlebt. Du hättest der glücklichste Mensch der Welt sein können.

Wagner: Ja, in den ersten zwei Wochen nach meiner Rückkehr aus Tokio war es auch aufregend und schön. Ich habe ordentlich gefeiert. Es gab viele Termine, Interviews und Ehrungen. Aber dann kam – nichts. Ich bin in ein Loch gefallen. Da war nur Leere. Die sogenannte Post-Olympia-Depression hatte mich erwischt. Dabei war es mein Kindheitstraum gewesen, einmal an Olympischen Spielen teilzunehmen. Nun war ich zum ersten Mal dabei, und es hätte nicht perfekter laufen können. Ich habe im Einzel und im Mixed-Wettbewerb jeweils Bronze gewonnen. Ich hatte alles geschafft. Aber dann habe ich mich gefragt: Wie geht es jetzt weiter?

2022

Aufgezeichnet von SWR-Sportredakteur Johannes Seemüller. 
„Eigentlich bin ich eine Frohnatur, die für jeden Spaß zu haben ist. Und dann hing ich plötzlich zwei Wochen völlig in den Seilen. Ich habe dem Bild, das ich von mir selbst habe, nicht entsprochen. In dieser Zeit habe ich viel mit meinem Sportpsychologen gesprochen. Erst durch ihn habe ich verstanden, in welcher Situation ich mich befinde und wie ich damit am besten umgehen kann. Wir haben viel gearbeitet, er hat mir gut durch diese Zeit geholfen.“ 
—  Anna-Maria Wagner
Wie hat sich diese Post-Olympia-Depression bei dir geäußert?

Ich war oft antriebslos. Ich hatte in solchen Phasen keine Lust, mich sportlich zu betätigen oder irgendetwas zu unternehmen. Ich habe auch nicht so gut geschlafen, ich fühlte mich am nächsten Morgen nicht erholt. An schlechten Tagen habe ich geweint, ohne genau den Grund benennen zu können. Das passierte meist abends, am nächsten Tag war es weg. In solchen Phasen bin ich sehr sensibel. Es ging mir aber nicht die ganze Zeit schlecht. Ich hatte zwischendurch auch tolle Momente. Aber sobald diese vorbei waren, hat mich die Leere wieder eingeholt.

Was denkst du, wie es zu dieser schweren Erschöpfung kam?

Ich hatte fünf intensive Jahre bis zu den Olympischen Spielen im Sommer 2021. Allein die interne Olympia-Qualifikation, der permanente Wettstreit um das Ticket für Tokio, zog sich drei Jahre hin. Das war ultrahart. Diese drei Jahre waren mental brutal. In dieser Zeit hat mir mein Sportpsychologe sehr geholfen. Gott sei Dank konnte ich unter dem Druck, der permanent da war, immer abliefern.

Das hast du auch in Budapest getan, wo du im Juni 2021 Weltmeisterin geworden bist – als erste Deutsche seit 28 Jahren.

Ja, das war eine krasse Überraschung sechs Wochen vor den Olympischen Spielen. Aber wir haben im Judosport so viele Wettkämpfe, dass dieser WM-Triumph schnell abgehakt war. Ich habe den Titel gar nicht genießen können. Ich habe zwar mal eine Woche kurz durchgeschnauft, aber dann galt meine volle Konzentration den Olympischen Spielen.

Nach den Erfolgen von Tokio kam dann die von dir beschriebene Erschöpfung und Antriebslosigkeit. Kanntest du diesen Zustand schon von früher?

Ja, ganz neu war das nicht für mich. In den vergangenen Jahren hatte ich auch schon, wenn der Winter kam, eine kleine Depression. Das dauerte etwa zwei Wochen und war auch nicht besonders schlimm. Ich hatte also schon erste Berührungspunkte mit dieser Erkrankung. Das habe ich im Training gemerkt. Ich war dann nicht so gut drauf und sehr sensibel. 2018 habe ich es das erste Mal bewusst wahrgenommen. Und dann kam es in jedem Jahr immer zum ähnlichen Zeitpunkt. Ich hing einfach durch.

Wie bist du damit umgegangen?

Ich habe mich darüber geärgert. Weil ich merkte, dass ich an diesem Zustand selbst nichts ändern kann. Eigentlich bin ich eine Frohnatur, die für jeden Spaß zu haben ist. Und dann hing ich plötzlich zwei Wochen völlig in den Seilen. Ich habe dem Bild, das ich von mir selbst habe, nicht entsprochen. In dieser Zeit habe ich viel mit meinem Sportpsychologen gesprochen. Erst durch ihn habe ich verstanden, in welcher Situation ich mich befinde und wie ich damit am besten umgehen kann. Wir haben viel gearbeitet, er hat mir gut durch diese Zeit geholfen. Mir wurde bewusst, was eine kleine Depression überhaupt ist, und dass es viele Menschen gibt, die gerade in der dunkleren und kälteren Jahreszeit davon betroffen sind. Ich habe gemerkt, dass eine solche Phase nicht so schlimm ist. Wichtig war, dass ich gelernt habe, was ich in diesen Zeiten für mich tun kann. Natürlich hätte ich am liebsten einfach einen Schalter umgelegt, damit wieder alles gut ist; aber das funktioniert nicht.

Als es dir im vergangenen Jahr erneut schlecht ging, blieb es nicht bei den zwei Wochen…

Das stimmt, dieses Mal ist es tatsächlich ein längerer Zeitraum. Ich bin immer noch nicht ganz über den Berg. Es gibt immer noch schlechte Tage. Als ich nach den Olympischen Spielen am Ende meiner Reha angelangt war, habe ich gemerkt: Mein Körper und mein Kopf haben keinen Bock mehr auf Sport. Dann bin ich aus dem Training rausgegangen. Ich war einfach antriebslos. Ich hatte in den letzten Jahren wahnsinnig viel Energie liegen lassen. Mein Körper hat mir signalisiert, dass er Abstand vom Sport braucht. Ich wollte von Judo nichts mehr wissen. Ich hatte die Schnauze voll.

Wie hat Bundestrainer Claudiu Pusa darauf reagiert?

Er hat immer gesagt: Anna, nimm dir Zeit. Komm zurück, wenn du willst. Er hat mir Gott sei Dank nie Druck gemacht. Ich habe das alles selbst in der Hand.

Zum Jahreswechsel warst du im Urlaub in Miami/Florida. Hat dir der Ortswechsel geholfen?

Ja, da habe ich mich zum ersten Mal wieder richtig gut gefühlt. Ich bin viel gelaufen und hatte wieder Spaß am Sport machen. Ich dachte: Jetzt hast du es geschafft und das Tief überwunden. Ich wollte mit Silvester einen symbolischen Schlussstrich unter das Jahr ziehen und mit neuer Energie ins Jahr 2022 gehen. Ich freute mich auf das erste Trainingslager, aber dann wurde ich Anfang Januar positiv auf Corona getestet. Ich musste 14 Tage in Quarantäne. Das hat mir so richtig den Boden unter den Füßen weggezogen.

Körperlich oder mental?

Körperlich ging es mir gut, ich hatte nur etwas Schnupfen. Es war mental ein Rückschlag. Ich dachte, jetzt starte ich wieder durch, und dann das. Ich war wegen der Quarantäne alleine in meiner Wohnung; dabei bin ich ein Mensch, der nicht so gern alleine ist. Ich habe in den ersten sieben Tagen mein Bett kaum verlassen. Ich lag einfach nur da und habe nichts gemacht. Ich war sauer und traurig, dass dieses Jahr so beschissen angefangen und mich zurückgeworfen hat.

Hast du daran gedacht, mit dem Leistungssport aufzuhören?

Ich hatte mir das schon mal im vergangenen Jahr überlegt. Das Judo fehlte mir gar nicht, und ich hatte Angst, gar nicht mehr in den Leistungssport reinzukommen. Und dann kam der Gedanke während meiner Corona-Quarantäne ein weiteres Mal hoch. Ich dachte, vielleicht soll es gar nicht mehr sein, dass ich weitermache. Vielleicht geht es mir besser, wenn ich aufhöre. Dann habe ich meine Gedanken aufgeschrieben. Das hat mir gutgetan.

Mit wem hast du über deine Erschöpfungszustände gesprochen?

Ich habe es zunächst nur meinem engsten Kreis erzählt, also meinen besten Freundinnen und meinem Sportpsychologen. Von diesen Menschen wusste ich, dass sie mir guttun. Sie haben mir zugehört, haben mich verstanden und mir sehr geholfen, durch diese Zeit durchzukommen. Ich fühlte mich sehr gut aufgehoben. Aber letztlich trägst du den inneren Kampf mit dir alleine aus.

Du hast deine sehr persönlichen Gedanken in den sozialen Netzwerken geteilt. Warum?

Viele Leute, auch in meinem erweiterten Trainingsumfeld, wussten nicht, was seit den Olympischen Spielen in mir vorging. Sie kannten nur die schönen Seiten und meine Medaillen. Zur ganzen Wahrheit gehört aber auch meine mentale Gesundheit, und da war ich angeschlagen. Außerdem fühle ich eine gewisse Verantwortung für den Judo-Nachwuchs. Deshalb war es mir wichtig, darüber zu schreiben und die Leute zu sensibilisieren, dass so etwas auch dazu gehören kann. Es ist keine leichte Phase, aber sie wird wieder vorbei gehen. Sie gehört genauso zu meinem Leben, wie der WM-Titel oder die Olympia-Medaillen.

Wie waren die Reaktionen auf deine Posts?

Es war krass, wie viele Leute mir geschrieben haben. Darunter waren auch Sportler:innen, denen es genauso geht, die aber nicht darüber sprechen möchten. Diese Reaktionen taten mir gut.

Wie geht es dir aktuell?

Aktuell geht es mir ganz gut. Es gibt allerdings auch schlechte Tage, so dass ich sicherlich noch nicht bei hundert Prozent bin. Ich habe am Vormittag trainiert und versuche Schritt für Schritt, wieder in den vollen Leistungssport reinzukommen. Mir tut der geregelte Tagesablauf mit Training und Terminen gut. Ich versuche, wieder Spaß zu finden und irgendwann meine alte Form zu erreichen. Mein Ziel ist, dass ich den Spaß wieder zurückgewinne.

Gibt es etwas, dass du in den vergangenen Wochen gelernt hast?

Ich bin kein Mensch, der alles in sich reinfrisst. Für mich war immer wichtig, offen mit den wichtigsten Menschen in meinem Leben zu kommunizieren. Das hat mir in dieser schwierigen Zeit unglaublich gutgetan. Diese Offenheit hat auch das gegenseitige Vertrauen zu meinen Freundinnen oder meinen Trainern noch einmal vertieft.

Wie könnte oder sollte man Athlet:innen besser auf die Zeit nach den Olympischen Spielen vorbereiten?

Also, wenn mir jemand vor den Spielen gesagt hätte, er will mit mir über die Zeit danach sprechen, hätte ich ihm den Vogel gezeigt. Aber man könnte die Sportler:innen vielleicht sensibilisieren und anbieten: ‚Lass uns nach den Spielen mal zusammensetzen und schauen, wie es dir dann geht. Oder wenn es dir danach nicht so gut geht, melde dich.‘ Auf jeden Fall sollte man zeitnah nach den Spielen ein Gesprächsangebot machen. Wichtig wäre es, die Person aufzufangen, ehe sie komplett in eine solche Depression hineinrutscht. Sollte ich bei den nächsten Olympischen Spielen 2024 in Paris dabei sein, würde ich schauen, dass ich danach auf jeden Fall länger in Urlaub fahre.

Das klingt schon wieder nach konkreten Zielen…

Wenn alles so klappt, wie ich es mir vorstelle, möchte ich natürlich die Reise zu den Olympischen Spielen 2024 nach Paris antreten. Als Nahziel habe ich für mich definiert, dass ich Ende März wieder auf die Wettkampfmatte möchte. Dann findet ein Grand Slam statt, bei dem ich starten möchte. Aber ich mache mir keinen Druck. Wenn ich das Gefühl habe, dass ich noch nicht 100-prozentig fit bin, dann werde ich es nicht machen. 
Quellenangaben
Wir bedanken uns herzlich bei Johannes Seemüller, der diese Story für uns aufgezeichnet hat, bei Anna-Maria Wagner und bei Marcel Haupt für die Fotos.